Wenn es uns schlecht geht, erwarten wir oft, dass zuerst die Kraft, das Interesse und die Lust zurückkehren, überhaupt etwas zu tun — und dass wir erst danach wieder anfangen können, das Haus zu verlassen, Kontakte zu pflegen, zu arbeiten oder zu unseren gewohnten Aktivitäten zurückzukehren. Forschungen zur Verhaltensaktivierung zeigen jedoch, dass diese Reihenfolge auch umgekehrt funktionieren kann: Manchmal steht zuerst eine kleine Handlung, und erst danach beginnt sich unser Zustand allmählich zu verändern.
Im August 2026 wurde in der Fachzeitschrift Clinical Psychology Review die bislang größte Übersicht zu Studien über Verhaltensaktivierung bei Depressionen veröffentlicht. Die Autoren fassten die Ergebnisse von 105 randomisierten Studien mit insgesamt fast 14.000 Patientinnen und Patienten zusammen.
Verhaltensaktivierung ist ein psychotherapeutischer Ansatz, bei dem schrittweise Aktivitäten wieder in den Alltag aufgenommen werden, die für uns wichtig oder nützlich sein können oder zumindest ein kleines Gefühl von Zufriedenheit vermitteln. Bei Depressionen werden solche Aktivitäten meist immer weniger. Wir treffen nahestehende Menschen seltener, vernachlässigen vertraute Tätigkeiten, bewegen uns weniger und entfernen uns zunehmend von dem, was unserem Leben früher Sinn gegeben hat.
So entsteht ein Teufelskreis: Ein schwerer emotionaler Zustand führt dazu, dass wir uns aus Aktivitäten zurückziehen, und die geringere Aktivität lässt immer weniger Möglichkeiten übrig, Interesse, Freude, Nähe oder ein Gefühl von Erfolg zu erleben.
Verhaltensaktivierung hilft dabei, diesen Kreislauf vorsichtig zu durchbrechen. Es geht nicht darum, sich „zusammenzureißen“ oder sich zu zwingen, sofort in das frühere Leben zurückzukehren. Gemeinsam mit einer Fachperson klären wir, was uns tatsächlich wichtig ist, beobachten den Zusammenhang zwischen Handlungen und Stimmung und beginnen mit kleinen, machbaren Schritten. Für manche kann das ein kurzer Spaziergang sein, für andere ein selbst gekochtes Essen, ein Anruf bei einer nahestehenden Person oder die Rückkehr zu einer lange aufgegebenen Tätigkeit.
Die Übersicht zeigte, dass Verhaltensaktivierung bei Erwachsenen depressive Symptome im Vergleich zu Kontrollbedingungen deutlich reduziert. Ihre Ergebnisse waren im Durchschnitt nicht schlechter als die anderer Formen der Psychotherapie, und der positive Effekt blieb auch nach 12 Monaten bestehen. Auch selbstständig durchgeführte Programme ohne kontinuierliche therapeutische Begleitung halfen, wenn auch mit schwächerem Effekt.
Gleichzeitig unterschieden sich die Ergebnisse der einzelnen Studien deutlich, und nur 40 der 105 Arbeiten wurden mit einem niedrigen Risiko systematischer Verzerrungen bewertet. Daher lässt sich nicht behaupten, dass die Methode bei allen Menschen gleich gut wirkt. Außerdem gibt es bislang nicht genügend Daten zu ihrer Wirksamkeit bei Kindern und Jugendlichen sowie zu direkten Vergleichen mit medikamentöser Behandlung.
Die wichtigste Schlussfolgerung der Untersuchung besteht nicht darin, dass Menschen mit Depression sich einfach dazu zwingen sollten, aktiver zu sein. Depression ist weder Faulheit noch ein Mangel an Beschäftigung. Doch das Warten darauf, dass zuerst Kraft und Motivation zurückkehren, kann manchmal selbst Teil des Teufelskreises werden. Der erste vorsichtige Schritt geschieht nicht immer deshalb, weil es uns bereits besser geht. Manchmal beginnt die Besserung gerade mit diesem Schritt.
Quelle: Pim Cuijpers et al. “Behavioral activation for depression: A comprehensive systematic review and meta-analysis”, Clinical Psychology Review, 2026
